Mittwoch, 01-10-2014, 20:14
Die Ruine Reichelsburg
Auf Anfrage des Verschönerungsvereins Aub übersandte im Jahre 1904 das königliche Kreisarchiv Würzburg zur Geschichte des Schlosses Reichelsberg eine Übersicht, in der der älteste Vermerk lautet:
„ 1296 Adelheid von Reichelsberg bestimmt letztwillig den Prädikantenbrüdern in Würzburg einen Getreidezehnt in Gollhofen für ihr Begräbnis bei denselben.“1) Diese Urkunde würde die einstige Existenz eines alteingesessenen Geschlechts „von Reichelsberch“ nahe legen. Jedoch wird in anderen Beschreibungen eine solche Darstellung als der Geschichte fremd bezeichnet. Reichelsberg ( Reigirberc ) wird um 1230 in einem Schiedsgericht als Besitz der Brüder Gottfried und Konrad von Hohenlohe – Brauneck genannt. Mit Baldersheim, Burgerroth, Bieberehren und Buch waren die Veste und die Herrschaft Reichelsberg ein Lehen Bambergs. 1314 teilt Andreas von Brauneck dem Bischof Wulfing von Bamberg mit, dass er die Burg Reichelsberg seiner Gattin Offemi verschrieben habe. 1338 stiften Gottfried von Hohenlohe – Brauneck und Margareta, seine Gemahlin, eine Kapelle auf ihrer Veste zu „Reygerberch“.
Mit dem Erlöschen der Linie Hohenlohe – Brauneck zieht das Hochstift Bamberg das vermannte Lehen 1390 ein. Im gleichen Jahr vertauschte Bischof Lamprecht von Bamberg Burg und Herrschaft Reichelsberg gegen Güter in Oberfranken mit dem Bischof Gerhard von Würzburg. Bischof Johann von Egloffstein belehnte 1401 Konrad von Weinsberg, den Erbkämmerer des Hl. Römischen Reiches, mit Reichelsberg. Er war mit Anna von Hohenlohe – Brauneck verheiratet und starb 1448. Ihm folgte sein Sohn Philipp der Ältere nach, der bis 1503 residierte. Unter dessen Herrschaft wurde 1477 Reinhardt Truchseß von Baldersheim Amtmann auf Reichelsberg. Mit Philipp dem Jüngeren starb die männliche Linie der Weinsberger 1516 aus. Dadurch kam Reichelberg an Katharina Gräfin von Königstein geb. von Weinsberg, welche die Burg mit vielen anderen Besitzungen 1521 an das Hochstift Würzburg um 49.300 Goldgulden verkaufte. Reichelsberg wurde nicht mehr belehnt. Fürstbischof Konrad von Thüngen richtete Reichelsberg als Amtssitz ein und setzte Georg von Rosenberg als neuen Amtmann auf die Burg. Dieser hatte jedoch nur wenige ruhige Jahre auf Reichelsberg. Im Bauernkrieg 1524/25, der größten politisch-sozialen Massenbewegung der deutschen Geschichte, war Reichelsberg das Ziel der aufrührerischen Bauernscharen. Am Samstag nach Ostern, dem 22. April 1525, stürmten sie mit den Bürgern von Aub die Veste, plünderten die großen Getreidevorräte und steckten die Gebäude in Brand. Die Bauern waren auf wenig Widerstand gestoßen, denn Amtmann Georg von Rosenberg hatte die Burg wegen der drohenden Übermacht der Bauern mit seinen Leuten verlassen. Würzburg hatte ihm keine ausreichende Verstärkung geschickt.

Der Aufstand nahm für die Bauern ein schlimmes Ende. Sie wurden vernichtend geschlagen, mussten alle entstandenen Schadenskosten übernehmen und noch Jahrhunderte auf die Befreiung von der Leibeigenschaft warten. Am 17. Juli 1525 kam der Würzburger Fürstbischof Konrad von Thüngen nach „Awe“ , um das Amt Reichelsberg wieder einzunehmen und den Treueid zu fordern. Caspar Kriegler aus Baldersheim, Hans Sennigfelder und Hans Deyb aus Tauberrettersheim wurden hingerichtet. Die Burg wurde teilweise wiederhergestellt. Amtmann Georg von Rosenberg hatte eine Entschädigung von 2900 Gulden erhalten.

1) Akte A.6.1.10. Renovierung der Burgruine Reichelsberg

1595 ist im Saalbuch des Amtes Reichelsberg vermerkt:
„ Das Haus und Schloß Raigelsberg ist itziger Zeit verfallen und in Abgang kommen, liegt zunechst bey dem Dorff Baldersheim ob dem Fluß die Gollach genannt.“
Nach Ausweis der Pfarrmatrikel Baldersheim war das Schloss weiterhin bewohnt. Reichelsberg hatte aber seine Bedeutung verloren. 1669 wurde das Amt Reichelberg aufgelöst und seine zugehörigen Ortschaften dem Amt Röttingen zugeordnet. Vorher war 1603 ein neues Amt Aub errichtet worden.

Ab etwa 1750 war Reichelsberg nicht mehr bewohnt und für die nun folgende Zeit dem Verfall ausgeliefert. Die ehemals zur Herrschaft Reichelsberg gehörigen Orte mussten noch bis zur Mitte des 19. Jhdt`s Wachtgeld an das Rentamt Röttingen bezahlen. So zahlten in Baldersheim 64 Hofriethen je 9,5 Kreuzer Wachtgeld und im Ort stand ein Wachthaus.

Am 22. Juli 1840 schreibt Dr. Joseph Zöllner, praktischer Arzt in Aub, mit flammenden Worten, die zur Mitarbeit in einem Verein zur Erhaltung der Ruine Reichelsburg aufrufen sollten, folgende Einladung:

„Was aber der Vandalismus im Bauernkriege nicht zerstörte, was der Schweden wilde Kohorten unberührt gelassen, was im 18. Jhdt. noch gerettet und der Zeiten Zahn noch ziemlich verschont hatte, daran wagten sich im 19. Jhdt. noch bis in die letzten Jahre die zerstörungslustigen Hände unhistorischer Leute und Dummköpfe, zum Teil verführt durch listige Betrüger, die vergrabene Schätze dem jetzigen ungenügsamen Geschlecht zu offenbaren versicherten, zum Teil weil sie die durch fast ein Jahrtausend bewährten und hergerichteten Steine mit dem marmorfesten Mörtel für besser zum Bauen fanden als die in den nahen Steinbrüchen noch zum Vorrate auf Jahrhunderte liegenden doch unbearbeiteten Wuchten; und kalter Seele, wenn auch nicht gerade teilnahmslos, sah man solchem Treiben zu. Viele Mauern von Häusern, Scheunen, Gärten sind von Reichelsbergs Steinen gebaut, und rufen auf zur Sühne ob solcher Untat, die noch vor einem Jahrzehnte begangen, wohl unbegreiflich erscheint. .........es störte niemand, und die mauerzerbrechenden Hände fuhren fort, bis die vor vierzig, ja dreißig Jahren noch ziemlich gut erhaltene Burg zur Ruine, und in letzter Zeit fast zum Schutthaufen wurde. Noch leben viele Zeitgenossen, die gerne erzählen, wie sie fast noch gut erhalten, die Burg gesehen, und sich jedes Mal gefreut und ihres Anblicks ergötzt, so oft sie vorübergegangen, wie noch das ganze Gemäuer gestanden, die Kapelle, die Räume der Wohnzimmer, wie noch ein Dach die Burg gedecket. Dies alles zerstörte ein verjüngter Bauern- und Herrenkrieg, und so wurde in den letztvergangenen Dezenien die Burg erst Ruine, daß nun außer dem hie und da verschütteten Wallgraben, einigen Gemäuer mit den Spuren vorhandener Türme, den Abteilungen der Wohnungen, des Platzes der Zugbrücke sowie noch einigen guten, doch auch ziemlich verschütteten Gewölben und dem noch ansehnlich hohen Turm nichts mehr übrig ist. ....... Dieser Turm der Ruine ...... ist in einem solchen Zustande, daß sein Einsturz ehestens zu fürchten ist, was auch Bausachverständige aussprachen. Stürzt aber der zusammen, dann ist dort keine Ruine mehr, sondern ein Steinhaufen, und der Gegend schönste Zier genommen.“ 1)

1) Akte A.6.1.10. Renovierung der Burgruine Reichelsberg

Dieser Aufruf blieb ohne Echo, denn es tat sich über 60 Jahre nichts. Im Gegenteil, noch im Jahre 1846 beklagt Pfarrer Schönhut aus Mergentheim in einer Druckschrift die Zerstörungswut der Leute.

Erst als Oberamtsrichter Hans Link im Jahr 1900 Vorstand des am 2. März 1885 gegründeten Verschönerungsvereins Aub wurde, hatte die Ruine wieder einen Fürsprecher. Er fand auch den Aufruf von Dr. Zöllner im Archiv des Pfarramtes Hemmersheim. Link ließ 1902 Skizzen und Fotos der Burganlage und besonders des Turmes fertigen. Er legte diese der königlichen Regierung mit der Bitte um Genehmigung einer Renovierung und Kostenbeteiligung vor.

Der Verein machte den Vorschlag, vor allem den Turm zu sichern. Denn das Stück Palasmauer, auf dem der Turm aufsaß, war weg gebrochen und er drohte einzustürzen. Als Zugang zur Burganlage sollte die Stelle an der Zugbrücke mit dem anfallenden Schutt aufgefüllt und die sieben Türme am Bering bis auf Sichthöhe aufgemauert werden. Im April 1904 befürwortete das königliche Generalkonservatorium in München die Erhaltungsarbeiten auf Staatskosten. Das königliche Landbauamt Würzburg wurde beauftragt, die Arbeiten zu überwachen und vom Jahr 1905 an die Burgruine als Etatsobjekt zu behandeln. Damit war der finanzielle Beitrag des Staates gesichert. Das Innenministerium lehnte jedoch eine Aufschüttung als Zugang sowie eine Brücke ab, ebenso die Aufmauerung der sieben Türme auf Sichthöhe.

Die Ruine sollte Ruine bleiben. Hauptbauobjekt war der Bergfried. An ihm wurde die ausgebrochene Palasmauer (Bresche) wieder aufgeführt. So entstand der steinerne , sich von oben nach unten verbreitende „Schild“ an der westlichen Seite mit dem Eingang. Zum Besteigen baute man ins Innere des Bergfrieds eine Holztreppe ein. Auch der vor dem Turm eingebrochene Keller wurde neu erstellt und der Brunnen (15m tief) neu aufgemauert. Am `Kopf` des Turmes wurde die Vegetation beseitigt und der Turm aufgemauert. Die Herstellung eines Fachwerkbaues mit Ziegeldach blieb ohne Zustimmung. Ein besonderes Problem waren die riesigen Mengen an Schutt. Nach mündlicher Überlieferung hat Oberamtsrichter Link zur Schuttbeseitigung auch Strafgefangene aus dem Auber Schloss eingesetzt. Ein Teil der Erd- und Geröllmengen wurde zur Nivellierung beim Neubau der nahen Bahnstrecke Ochsenfurt – Röttingen verwendet.

Im März 1906 kaufte der Verschönerungsverein Aub 6000 Fichtenpflanzen, die wohl am nördlichen Hang gesetzt wurden. Schließlich dürften 1907 die wesentlichen Renovierungsarbeiten abgeschlossen worden sein. Leider sind die Unterlagen der `Reichelsburgkasse` beim Verschönerungsverein Aub aus der Zeit vor 1908 nicht mehr vorhanden. Von 1908 – 1910 bekam der Verein noch 700 Mark an Zuschüssen, die für die Ruine verwendet wurden. Insgesamt trugen staatliche Ämter die Hauptlast der Renovierungskosten. Der Verschönerungsverein selbst wendete einen Beitrag auf, den er aus dem Verkauf eines Teils des Grundstücks am oberen Torwärterhaus ( die Stadt Aub hat es dem Verein 1904 geschenkt ) an Dr. Derr und Dr. Bechmann erlöste. Die letzte Ausgabe mit 300 Mark datiert aus dem Jahr 1910.

Der Bestand der `Reichelsburgkasse` blieb mit 55,63 Mark von 1911 bis 1921 immer gleich. Der Motor der Burgruinenrenovierung Oberamtsrichter Hans Link hatte 1909 eine andere Stelle bekommen und war weggezogen. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen blieb der Zustand der Ruine fast unberührt. Erst in den 1960er und 1970er Jahren erteilte das Landbauamt Würzburg von Zeit zu Zeit Aufträge an Auber Baufirmen zur Verbesserung der Beringmauern. Durch den Ersatz der hölzernen Treppe durch eine Spindeltreppe aus Metall im Jahre 1986 wurde die Besteigung des Turmes erleichtert und sicherer. Dank sei an dieser Stelle an das Landbauamt ausgesprochen. Immer wieder zeigte es Bereitschaft für den Erhalt der Ruine Reichelsburg etwas zu tun. In Erinnerung an die Reichelsburgfeste der Auber Vereine in den 1950er Jahren, richtete die Musikgemeinschaft Baldersheim – Burgerroth 1996 ihr erstes Reichelsburgfest aus. Seitdem findet dieses Fest jedes Jahr statt. Dabei hat es sich die Musikgemeinschaft zur Aufgabe gemacht, mit viel Arbeit die Burgruinenanlage entsprechend herzurichten und in einem ordentlichen Zustand zu erhalten. Gekrönt wurde diese Aufgabe durch die Errichtung einer Brücke auf den Fundamenten der früheren Zugbrücke. Im Jahre 2000 konnte dies in Zusammenarbeit mit dem Landbauamt Würzburg bewerkstelligt werden. Der Gedenkstein „Truchsessbrücke 2000“ mag manchem Historiker - und sie mögen es den Verantwortlichen nachsehen - nicht gefallen, denn die Truchsesse von Baldersheim waren nie Besitzer von Reichelsberg. Allerdings waren einige des besagten Geschlechts, als Amtmänner für diese Herrschaft sehr wohl mit wichtigen Verwaltungsaufgaben betraut worden und hatten dort ihren Wohnsitz. Mit Fug und Recht darf also behauptet werden, dass längere Zeit Truchsesse von Baldersheim über die ehemalige Brücke von der Reichelsburg als Burgmannen geritten oder gefahren sind.

Verfasser: Richard Hoos

Archivalische Quellen: Stadtarchiv Aub, Akte A.6.1.10. Renovierung der Burgruine Reichelsberg
Pfarrmatrikel der Pfarrei Baldersheim

Literatur: Georg Menth, Die Reichelsburg 1986
Konrad Hoos, Baldersheim im Ochsenfurter Gau, 1972
Kunstdenkmäler Bayerns Heft 1, Bezirksamt Ochsenfurt, München1911
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